Projekt Lichtblau - Dele Müller

Einrichtungsleiter Dele Müller über seine Motivation und das Flüchtlingsprojekt

Unter dem Druck der aktuell (und wohl auch künftig) rapide steigenden Zahl von Flüchtlingen erfolgt eine deutschlandweite Zuweisung in alle Gemeinden. Hierin sehen wir gute Möglichkeiten, aus der Not eine Tugend zu machen: einen bilateralen Anpassungsprozess. Ein aufeinander Zugehen von zwei Seiten. Von den Asylbewerbern genauso wie von Seiten ihrer jeweiligen sozialen Umfelder.

Hilfe für regionale Helferkreise

Den Menschen wird auf beiden Seiten die Möglichkeit gegeben, sich näher zu kommen, voneinander zu lernen, miteinander zu leben. Das heißt, dass normal große Dörfer bei 1-2 Prozent Zuweisungsquote in etwa 20 Asylbewerber aufnehmen (werden). Eine sehr überschaubare Anzahl von Asylsuchenden, deren Integration bei gutem Willen kein großes Problem darstellen sollte. Es bilden sich im Idealfall in jedem Dorf oftmals Helferkreise, um den Neuankömmlingen das Leben in unserer Gemeinschaft näher zu bringen und, um bei Anfangsschwierigkeiten zu helfen und Ressentiments vorzubeugen und zu begegnen.

Die Helferkreise bestreiten viele ihrer Hilfen durch Sachspenden, die sie vor Ort einsammeln. Für viele Aktionen und in vielen Situationen sind Sachspenden aber keine Hilfe. Wir möchten für all die vielen engagierten Helfer eine Anlaufstelle sein, bei der man zum einen relativ unkompliziert kleinere Summen beantragen kann, die sofort und vor Ort wirken. Ziele sind: Durch viele kleine finanzielle Hilfen, einem Gießkannenprinzip in der besten Art und Weise - den ehrenamtlichen Helfern bei ihrer Arbeit Frustrationen zu ersparen, Freude zu erhalten und so die Hilfe zur Selbsthilfe im Kleinen zu unterstützen. Es geht um die Minimierung von Reibungsverlusten und Maximierung bei der Förderung von privatem, ehrenamtlichen Engagement. Die gelebte Praxis in unserer Einrichtung könnte als Keimzelle für ein gesundes, nachhaltiges Wachstum mit Blick auf viele weitere Asylbewerberheime in unserer unmittelbaren Umgebung dienen. Ziele sind eine unbürokratische Vernetzung und Auf- und Ausbau einer regionalen Helferkreis-Struktur. Gleichzeitig könnten Spenden in ganz konkrete, lebensnahe Projekte fließen.

Projektbeschreibung

Seit etwa 10 Jahren leben bei mir Jugendliche - dauerhaft und rund um die Uhr. Anfangs in Webams - jetzt einen Kilometer weiter in Beschaunen. Neun Jahre lang kümmerte ich mich um tendenziell äußerst schwierige, gewaltbereite Jugendliche. Seit 2014 Jahr liegt der Fokus auf 9 bis 12 afghanische Jugendliche, die, oft traumatisiert, eine beschwerliche Flucht hinter sich haben und nun alleine in einem fremden Land ohne ihre Eltern leben müssen. Sie sind dankbar, nun in familiärer Atmosphäre ihr neues Leben anpacken zu dürfen.

Die jungen Männer lernen als erstes intensiv unsere Sprache, manche müssen überhaupt erstmal Buchstaben und Lesen lernen. Gemeinsam mit unserem Team kaufen sie ein, sie kochen mit uns, lernen Grundbegriffe der Haushaltsführung, mit Geld umzugehen und sich Schritt für Schritt in der für sie fremden Kultur zurechtzufinden. 

Sie lernen, dass in Deutschland die Frauen gleichberechtigt sind, eigenständig und unabhängig leben und, dass Männern und Frauen gleichermaßen Respekt entgegengebracht wird. Sie lernen, sich unter gleichaltrigen Jugendlichen zurechtzufinden, im Sportverein, im Jugendzentrum, in der Stadt. Sie lernen, Situationen zu bewältigen, wenn ihnen ausländerfeindlich und ungerecht begegnet wird. Und wir lernen vieles von ihnen und aus ihrer Kultur, lernen neue Techniken, ein anderes Tempo zu akzeptieren, den liebevollen Umgang mit den Materialien und auch sonderbare Gewürze zu verwenden… - Dele Müller, 2015

Dietrich Grönemeyer: „One World Now – eine Welt für alle und mit allen. Für mich ist das keine Frage, sondern die Antwort in diesen besonderen Zeiten. Im Rahmen meiner ZDF-Reihe „Dietrich Grönemeyer – Leben ist mehr!“ durfte ich Dele Müller, den Leiter einer ganz besonderen Einrichtung für traumatisierte Flüchtlinge kennenlernen. Ich bin begeistert von seiner Arbeit und seinem Engagement. Ich habe erfahren, mit welch schrecklichen Erlebnissen junge Flüchtlinge nach Deutschland kommen – und möchte Dele Müller von Herzen, tatkräftig und nachhaltig unterstützen in seinem Anliegen, diese jungen Menschen aufzunehmen: in Deutschland, in die Gemeinschaft, ja, in die Familie.“ 

Eine weitere Einrichtung, die Dietrich Grönemeyer während der Produkion der Sendung besuchte, war der Verein Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder in Nürnberg.

Nürnberger „Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder“

Wer seine Heimat verlassen muss und in einem neuen Land lebt, braucht Hilfe. Besondere Hilfe brauchen Kinder, die ohne ihre Eltern oder Familienmitglieder ankommen. Um genau diese unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kümmert sich die Nürnberger „Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder“ – und das bereits seit über 20 Jahren.

Als die Nürnberger mit ihrer Arbeit begannen, war die Problematik der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge kaum im öffentlichen Fokus. „Dass diese Jugendlichen vor und während ihrer Flucht Situationen und Schicksale durchlebt haben, die für Kinder und Jugendliche nur schwer erträglich sind, interessierte die damaligen offiziellen Stellen kaum“, erinnert sich Stefan Münster, der Leiter der Wohngemeinschaft, anlässlich des 20-jährigen Jubiläums. Auch die Nürnberger Initiative kann sich auf die Fahne schreiben, dass sich an dieser Sichtweise mittlerweile etwas geändert hat. 

Der Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Kinder, die in ihren Herkunftsstaaten Krieg, Verfolgung und Hunger erleben mussten, in Obhut zu nehmen, ihnen eine Perspektive zu geben und sie in allen Lebenslagen zu begleiten und zu beschützen.  Er schuf mit der „Wohngemeinschaft“ im Jahre 1994 eine der ersten Jugendhilfeeinrichtungen in Deutschland, die sich speziell auf die Arbeit mit unbegleiteten Flüchtlingskindern konzentrierte. Wenn Flüchtlingskinder ohne Angehörige nach Nürnberg kommen, können sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr im Stammhaus der „Wohngemeinschaft“ wohnen. Zwölf Plätze bietet das Wohnhaus im Nürnberger Osten, ein Team aus Sozialpädagogen, Sozialarbeitern und Erziehern ist rund um die Uhr vor Ort, um sich um die Belange der Jugendlichen einzusetzen und ihnen den Start in Deutschland zu erleichtern.  

Wenn sie das 16. Lebensjahr vollendet haben, besteht die Möglichkeit in die teilzeitbetreute Wohngruppe „Impuls“ zu ziehen. Dort wohnen fünf Jugendliche in einer Wohngemeinschaft, in der sie mit der Hilfe pädagogischer Fachkräfte allmählich an die volle Selbstständigkeit herangeführt werden. Die Betreuer begleiten die Jugendlichen und geben Hilfestellungen für das tägliche Leben. 
Zu den Angeboten des Vereins gehört ebenso das außenbetreute Wohnen für jugendliche Flüchtlinge, die das 16. Lebensjahr vollendet haben und über genügend alltagstaugliche Fertigkeiten verfügen, um in einer eigenen Wohnung weitgehend allein zurecht zu kommen. Betreut werden sie in allen schulischen und beruflichen Fragen, bei persönlichen Angelegenheiten oder wenn Behördengänge und Arztbesuche anstehen. Unabhängig davon, für welche Wohnform sich die Jugendlichen entscheiden, der Verein und seine Mitarbeiter stehen seinen Schützlingen jederzeit zur Seite.

Ein weiterer Baustein der Vereinsarbeit ist  die Fachberatung für Vormünder – auch das gehört zum ganzheitlichen Ansatz der „Wohngemeinschaft für Flüchtlingskinder Nürnberg“. Die Vormünder sind gesetzlich vorgeschrieben; Privatpersonen, die sich zu dieser Aufgabe entschließen, werden vom Verein umfassend vorbereitet und beraten. 

fluechtlingskinder-nuernberg.de

Über das Projekt wurde am 31. Oktober ein Beitrag im Rahmen der Sendung "Dietrich Grönemeyer - Leben ist mehr! Der lange Weg junger Flüchtlinge" ausgestrahlt.

Der Beitrag ist jetzt in der ZDF-Mediathek verfügbar:

zdf.de/dietrich-groenemeyer-leben-ist-mehr

 

Pressemitteilung des ZDF

Tausende unbegleitete minderjährige Flüchtlinge kommen jedes Jahr nach Deutschland. Die größte Gruppe unter ihnen kommt aus Afghanistan. Dietrich Grönemeyer begegnet aus Anlass des Reformationstages zwei jungen Menschen. Um sie ein Stück ihres Weges zu begleiten und ihre Sorgen zu teilen.

Im Gepäck haben sie oft traumatische Erlebnisse, im besten Fall aber die Hoffnung auf ein neues Leben.

Der 15-jährige Baheer ist vor wenigen Monaten in Deutschland angekommen. Auch er kämpft mit seiner Vergangenheit. Sein bester Freund ist ein Teddy. Baheer wurde auf der Flucht von seinen Eltern getrennt und hat seither nichts mehr von ihnen gehört. In einer Wohngruppe auf einem Bauernhof sucht er nach der verlorenen Geborgenheit - und nach einer Perspektive. Unterstützt wird er dabei von Dele Müller und seinem Team aus Helfern. Sie versuchen, dem vereinsamten Jungen wieder Halt und Kraft zu geben und durch den Dschungel der deutschen Bürokratie einen Weg zu bahnen.

Turi Omari ist schon einige Schritte weiter: Der 21-Jährige ist vor gut vier Jahren aus Afghanistan geflohen, hat mit Unterstützung vieler Helfer seine ersten Schritte in die Gesellschaft gemacht, gut Deutsch gelernt, eine Lehre begonnen, eine eigene Wohnung bezogen. "Ich will in die Zukunft schauen und mir hier in Deutschland ein Leben aufbauen", sagt er. Doch jetzt steht ein neues Problem an: Seine Aufenthaltsgenehmigung läuft aus - ob sie verlängert wird?

So unterschiedlich ihre Situation ist: Turi und Baheer verbindet die Herausforderung, sich in ein neues Leben hineinfinden zu müssen - die Fallhöhe könnte für beide kaum höher sein: Eine Behördenentscheidung könnte sie zurückstoßen in ihr altes Leben. Dietrich Grönemeyer begleitet die beiden in ihrem Alltag zwischen Deutschunterricht und Ausbildung, Behördenwelt und Theaterspiel. Er versucht, in Gesprächen ihre Nöte, Hoffnungen und Wünsche zu ergründen. Dabei wird deutlich, wie sehr die beiden auf eine Gesellschaft angewiesen sind, die sich öffnet und den aktuellen Entwicklungen stellt. Ohne die Hilfe der Gemeinschaft und des Einzelnen gibt es keine Perspektive für diese Jugendlichen. Ein Appell, der gerade am Reformationstag, an dem gesellschaftliche Erneuerung und Verantwortung im Mittelpunkt stehen - nicht verhallen sollte.

 

ZDF, 31.10.2015, 17:40:00 Uhr 

zdf.de/dietrich-groenemeyer-leben-ist-mehr