One World Now – gelebte und geliebte Erfahrungen

Wir Menschen sind alle gleich. Gleich und einzigartig: durch Geist und Seele, den Wunsch, glücklich zu leben, zu lieben und geliebt zu werden. Zuwanderung und Flüchtlingsströme hat es schon immer gegeben – und wird es wohl oder übel immer geben. Als Teil der Menschheitsgeschichte und, ob freiwillig oder erzwungen, Ausdruck der Dynamik menschlichen Handelns und Lebens. Ich selbst bin ein Kind des Ruhrgebiets. Kaum ein anderer Ballungsraum in Deutschland hat das Thema Zuwanderung so eindrucksvoll und vielfältig erlebt wie der „Pott“. Es ist noch nicht lange her, da freuten sich die Deutschen über Zuzügler aus der Türkei, Griechenland, Italien. Heute sind die „Gastarbeiter“ von einst längst fester Bestandteil unseres multikulturellen Ruhrgebiets. Mit all seinen Besonderheiten und seinem zuweilen rauen, oft aber herzlichen Charme.

Heute heißen die Zuwanderungs-Länder: Syrien, Afghanistan, Irak. Heute stehen zumeist Kriege und Hoffnungslosigkeit als treibende Kraft hinter der „Völkerwanderung“. Und sicher die Bilder, die wir tagtäglich im Fernsehen serviert bekommen, sie wecken unsere Mitgefühl und sorgen uns zugleich, weil wir nicht wissen, was und wer da genau auf uns zukommt. Alles, was neu ist, verunsichert zunächst. Doch Neues, das beweist die Vergangenheit, trägt eben auch Zukunft in sich! Schon rascheln die Nachrichten im Blätterwald, dass die deutsche Bevölkerung eben nicht mehr zu schrumpfen droht, wie lange düster prophezeit. Dass freie Arbeitsstellen doch noch besetzt werden und die Generation der Renten-Einzahler wieder erstarkt. Das freut mich von Herzen. Denn Berührungsängste verbinden nie  – sie trennen nur. Wir müssen gerade heute über das Begreifen vom „ich“ zum „du“ zum „wir“ kommen. Und uns die Hände reichen. Für uns, für unser aller Zukunft und unsere eine Welt.

Es gibt nicht „die“ und „uns“. Es gab immer schon nur ein „wir“, ob uns das klar sein mag oder nicht. Die Übergänge sind fließend, die Bevölkerungsveränderungen oftmals kaum spürbar. Ein paar Zahlen mögen das verdeutlichen: In den 15 Jahren von 1991 bis 2006 wurden rund 15,1 Millionen Zuzüge vom Ausland nach Deutschland gezählt. Diese Zahlen resultieren vor allem aus dem - bis Mitte der 1990er Jahre - starken Zuzug von (Spät-)Aussiedlern, der bis 1992 gestiegenen Zahl von Asylsuchenden, den seit 1991/92 aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohenen Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlingen, von denen die meisten bereits wieder in ihre Heimat zurückgekehrt sind, und aus der gestiegenen, aber zeitlich begrenzten Arbeitsmigration aus Nicht-EU-Staaten, insbesondere von Werkvertrags- und Saisonarbeitnehmern, weiß das Statistische Bundesamt.

Schaut man sich „die Deutschen“ im Jahr 2014 an, stellt man fest, dass rund 16,4 Millionen Menschen einen Migrationshintergrund haben. Das entsprach einem Anteil von 20,3 % an der Gesamtbevölkerung. Dies ist vor allem auf die wachsende Zahl der Zuwanderer zurückzuführen: 10,9 Millionen Zuwanderer lebten 2014 in Deutschland. Die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund ging dagegen seit 2011 um 885 000 zurück. In Deutschland ist jeder Fünfte, in NRW sogar jeder vierte Einwohner „aus aller Welt“. Mehr als 4,1 Millionen Menschen waren das im Jahr 2014 an Rhein und Ruhr und damit 23,6 Prozent aller rund 17,6 Millionen NRW-Einwohner. Das Durchschnittsalter von Menschen mit ausländischen Wurzeln war mit 35 Jahren niedriger als das der Einwohner ohne Migrationshintergrund (46 Jahre).

Auch die jungen und Jüngsten kommen zu uns. Ich selbst habe in Süddeutschland für meine ZDF-Fernsehreihe „Dietrich Grönemeyer – Leben ist mehr!“ zwei Einrichtungen besucht für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. Manche der Kinder und Jugendlichen – zumeist aus Afghanistan - hatten Fürchterliches erleben müssen, manche mitansehen müssen, wie ihre Eltern umgebracht und ihre Heimat in Trümmer gelegt wurden. Alle haben sie einen Weg hinter sich, den wir uns im politisch ach so sicheren Deutschland kaum vorstellen können. Traumatisiert, erschöpft, allein, aber: nicht ohne Hoffnung – so kommen die jungen Menschen zu uns. Und deshalb müssen wir auch zu ihnen kommen, um sie in unsere Gesellschaft aufzunehmen, um ihnen unsere Gesellschaft auch zu gönnen. Für mich hat es noch nie eine Rolle gespielt, woher jemand kommt, welche Religion er hat oder wie seine Haut aussieht. Bei meinen Reisen nach Asien oder Südamerika war es oft eher ich, der anders aussah, neu war und doch immer herzlich aufgenommen und begleitet wurde. Interkulturalität und interkulturelles Miteinander ist für mich gelebte Praxis. Wortwörtlich. In meinem Institut in Bochum arbeiten Menschen aus mehr als 20 Nationen zusammen! Viele meiner Patienten haben einen Migrationshintergrund, jeder Neunte kommt sogar extra aus dem Ausland, um sich mikrotherapeutisch behandeln zu lassen. Meine Kinder haben "in andere Länder“ eingeheiratet und lebten lange Jahre beispielsweise in Brasilien. Es macht für mich keinen Unterschied, woher jemand kommt oder wohin jemand geht – wichtig ist für mich nur, dass alle Menschen mit demselben Respekt behandelt werden. Mit derselben Freundlichkeit. Mit Herz.

Daher freut es mich ganz besonders, dass ich schon jetzt viel Zuspruch für diese Haltung erfahren habe, aus allen Teilen der Gesellschaft.